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Aktion Augen auf! – Mehr Aufmerksamkeit für ein Altern in Würde

Warum engagieren Sie sich persönlich für das Projekt?

Als Referentin Öffentlichkeitsarbeit/Fundraising in der AWO Stiftung bin ich froh, dass wir ein Konzept für ältere Menschen entwickelt haben, das sicherlich angesichts des demographischen Wandels und der drohenden Altersarmut zukünftig noch stärker gefragt sein wird.

Was wird konkret im Projekt gemacht? Welche Ziele verfolgt es? Wer braucht es?

Die „Aktion Augen auf!“ baut stadtteilnahe Netzwerke der Aufmerksamkeit und Hilfe als eine Art Familienersatz auf für alte Menschen, die alleine, krank, pflegebedürftig bzw. an der Grenze zur Pflegebedürftigkeit oder arm sind. Durch individuelle Unterstützung in den eigenen vier Wänden durch hauptamtliche Stadtteilkoordinatorinnen sollen Vereinsamung und mögliche Verwahrlosung oder Vermüllung verhindert werden. Alte Menschen erhalten Lichtblicke in ihrem teils monotonen, von Krankheit und Armut gezeichneten Leben. Darüber hinaus werden sie aktiviert, wieder verstärkt am Leben teilzunehmen, soziale Kontakte aufzunehmen und wenn möglich, wieder vor die Tür zu gehen. Erstmals werden mit einem Projekt diejenigen angesprochen werden, die nicht nach Hilfe rufen – sei es aus Angst, ins Altersheim zu kommen oder aus Scham vor dem Zustand in ihren Wohnungen – und die aufgrund ihrer sozialen Isoliertheit nur schwer zu erreichen sind. Dies können ab Oktober 2012 auch Migrantinnen und Migranten und/oder Spätaussiedler mit russischem Hintergrund sein.
Die angestrebten positiven Auswirkungen auf die Älteren sind z.B.: Reduktion bzw. Aufhebung der sozialen Isolierung und der Einsamkeit; Geregelte Versorgung durch Aufstehen, Anziehen, Essen, Körperpflege, Putzen etc; Reduktion von Krankheit; Verhinderung bzw. Verzögerung von Demenz; Vertrauen fassen und lernen, Hilfe anzunehmen; mehr Lebensfreude, Sinnhaftigkeit im Leben wiederentdecken, Aktivierung, wieder rauszugehen, soziale Kontakte aufzunehmen, bei geringerer körperlicher Einschränkung auch Mobilisation zu z.B. Ausflügen; Verhinderung von Unterernährung, Wundliegen und anderen Vernachlässigungszuständen.
Das Projekt setzt direkt im unmittelbaren Lebensraum der Betroffenen an – ihrem Quartier bzw. Stadtteil. Denn durch eingeschränkte Mobilität liegt hier meist der Lebensmittelpunkt der alten Menschen. Die Stadtteilkoordinatorinnen der drei Stadtteile Eimsbüttel, Lokstedt und Stellingen entdecken zunächst die hilfsbedürftigen Menschen. Die Hinweise über die Situation der älteren Menschen erhalten sie durch das Netzwerk (s.u.). Sie stellen dann den ersten Kontakt direkt in deren Wohnungen sowie das dringend notwendige Vertrauen her. Sie bieten Orientierung bei der Sondierung der Versorgungslage informieren und beraten über zahlreiche Themen, um so lange wie möglich zu Hause zu bleiben und versorgt werden zu können: Von Ambulanter Pflege über Tagespflege, Angeboten für Menschen mit Demenz, Hilfen im Haushalt, Hausnotruf, Mahlzeitendienste, Wohnraumanpassung u.v.m.). Sie sind kostenfrei bei Antragstellungen entsprechender Leistungen behilflich (Pflegestufe, Schwerbehindertenausweis, Grundsicherung). Die Koordinatorinnen begleiten die Seniorinnen und Senioren solange, bis die erforderliche und gewünschte Versorgung gesichert ist und bleiben Ansprechpartnerinnen für alle am Hilfesystem beteiligten Personen und Dienste. Sie geben trägerübergreifend und neutral Auskunft über das umfangreiche Altenhilfeangebot der Hansestadt Hamburg sowie durch enge Vernetzung mit den Fachleuten und Dienstleistern der Stadtteile über die Angebote vor Ort. Auf Wunsch werden auch entsprechende Hilfen (Pflege, Wohnung, Essen, Putzen etc.) vermittelt. Sie geben Auskunft zu Vorsorgevollmachten, Patienten- oder Bestattungsverfügungen. Zudem vermitteln sie passende ehrenamtliche Besucher, die sich dann regelmäßig und möglichst langfristig um die älteren Menschen kümmern: Sie lesen mit ihnen, schauen sich Fotos an, unterhalten sich, sie kochen und backen mit ihnen oder geben ihnen kleine Hilfestellungen im Alltag. All dies trägt zur Gesunderhaltung bzw. -werdung der älteren Menschen bei. Alle unsere Angebote sind kostenlos!
Bürger/-innen in den Stadtteilen werden durch eine breite Öffentlichkeitskampagne mit Prominenten und Unterstützern aus den Stadtteilen auf Flyern, Postern und Postkarten aufgefordert, die Augen aufzumachen und einem Altern in Würde mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Schirmherr ist der ehemalige „Tagesschau“-Sprecher Wilhelm Wieben. Weitere Unterstützer aus den Stadtteilen, ob Pastor, Geschäftsleute, Behördenvertreter oder Künstler: s. http://www.aktionaugenauf.de/unterstuetzer/botschafter. Kooperationen und grundsätzliche Formen der Zusammenarbeit bestehen darüber hinaus mit etlichen Verbänden und Institutionen in den Stadtteilen.

Wer trägt das Projekt?

Die AWO Stiftung Aktiv für Hamburg. Das Projekt wird von einem eigens gegründeten Wissenschaftlichen Beirat aus sechs renommierten Wissenschaftlern begleitet. Der Rechtsmediziner Dr. Klaus Püschel gehört mit zu den Initiatoren der Idee. Dem Wissenschaftlichen Beirat gehören an: Prof. Dr. Püschel (Leiter der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf, Prof. Dr. Neuffer (Hochschule für Angewandte Wissenschaften), Prof. Dr. von Renteln-Kruse (Chefarzt der Geriatischen Klinik im Albertinen-Haus), Prof. Dr. van den Bussche (Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am UKE), Klaus Schäfer (Erster Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes und Vizepräsident der Ärztekammer Hamburg sowie Prof. Schmoecker (Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Department Soziale Arbeit). Prof. Schmoecker leitete ein Forschungsprojekt der HAW, das das Projekt „Aktion Augen auf!“ begleitete und bereits positiv evaluiert hat (www.aktionaugenauf.de).

Wie geht die Nachbarschaft mit Ihrem Projekt um? Welchen Rückhalt bekommen / erwarten Sie?

Ein Eckpfeiler des Projektes ist die Vernetzung mit Trägern sozialer Dienstleistungen, verschiedenen Kooperationspartnern wie Bürgernahen Beamten, Ärzten, Pflegestützpunkten, Seniorenberatung, Behörden, Apotheken, Geschäften im Stadtteil und anderen. Die Stadtteilkoordinatorinnen haben ein Netzwerk mit sozialen Einrichtungen im jeweiligen Stadtteil aufgebaut, das sie ständig pflegen und weiter ausbauen. Mit gezielter, breit angelegter Öffentlichkeitsarbeit werden zudem die Bewohner/innen der Stadtteile, die Nachbarn, die Verwandten und Bekannten von älteren Menschen in den Projektstadtteilen für Anzeichen von Verwahrlosung oder Einsamkeit sensibilisiert und zum Handeln motiviert. Sie werden zu mehr Aufmerksamkeit aufgefordert: Wenn Angehörige oder Bekannte bzw. Nachbarn einen vermuteten Hilfsbedarf bemerken (z.B. wenn ein älterer Mensch einsam ist, nicht mehr selbst einkaufen kann oder nicht mehr zu den Treffen im Seniorentreff erscheint), sind sie aufgerufen, diesen direkt mit der Stadtteilkoordinatorin zu besprechen. Diese werden dann weiter tätig.
Insbesondere in Eimsbüttel als unserem ersten Pilotstadtteil ist das Projekt mittlerweile sehr gut bekannt und wir bekommen die meisten Hinweise wie geplant von den Netzwerkpartnern wie Hausmeistern, bürgernahen Beamten, aber auch von Nachbarn. Nach Zwei Jahren ist das anfängliche Misstrauen in Vertrauen und Anerkennung für die gute Arbeit gewichen und es kommen positive Rückmeldungen von vielen Seiten, sowohl von den Netzwerkpartnern, als auch den Anwohnern. Weitere konkretere Formen der Zusammenarbeit mit Partnern in der Lenzsiedlung (Eimsbüttel) werden besprochen.

Was sind die nächsten Projektschritte? Welche Pläne haben Sie?

Wir werden weiter Flyer in den Stadtteilen verteilen, um auf das Projekt aufmerksam zu machen. Wir planen im März/April 2014 ein weiteres Netzwerktreffen aller Stadtteile, um die Mitwirkenden noch stärker einzubinden und unserer Ergebnisse, auch aus dem neuen Schwerpunkt „Ältere Menschen mit Migrationshintergrund“ bekanntzugeben. Die Stadtteilkoordinatorinnen sind auf etlichen Fachveranstaltungen und Arbeitsgruppen, beispielsweise zu Besuchs- und Begleitdiensten vertreten und repräsentieren das Projekt bei allen fachinternen oder öffentlichen Gelegenheiten im Stadtteil. Auf regelmäßigen Projekttreffen findet ein Austausch statt und werden Möglichkeiten zur weiteren Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eruiert. Die Ehrenamtlichen werden durch regelmäßige Treffen, Fortbildungen gebunden und neue Ehrenamtliche beispielsweise jährlich auf der „AKTIVOLI- Ehrenamtsmesse in Hamburg akquiriert.

Welche Ideen haben Sie, damit Ihr Projekt langfristig besteht und wirken kann?

Weitere Spenden, Sponsorings und Fördermittel für z.B. Sachmittel, die Aufwandspauschalen der Ehrenamtlichen, Fortbildungskosten versuchen wir weiter über bekannte und unbekannte Partner/Stiftungen und weitere Förderer einzuwerben. Das Stiftungsteam arbeitet zusammen mit einer professionellen Firma an der Erstellung eines 2-3 minütigen Videospots über das Projekt, das zur Gewinnung weiterer Freiwilliger sowie von Spendern genutzt werden soll, beispielsweise in Rotarier- und Lions-Clubs. Der Rotarier-Club Blankenese hatte in 2011 bereits 10.000 € gespendet. Über das Vorstandsmitglied Nils Jacobsen bestehen hier gute weitere Kontaktmöglichkeiten. Es finden sowohl Einzel-Gespräche als auch Veranstaltungen mit solventen Personen oder interessierten Ansprechpartnern aus Firmen statt, wie z.B. Fundraising-Dinner. Wir versuchen, einen bekannten Hamburger Drogeriemarkt für eine Patenaktion in einem oder allen vier Stadtteilen zu gewinnen. Zudem bemühen wir uns insbesondere mit diesem Antrag weiterhin darum, die Säulen des Projektes, nämlich unsere zwei Koordinatorinnen in Eimsbüttel. Lokstedt und Stellingen weiter finanzieren zu können!

Was benötigen Sie, um Ihr Projekt voranzubringen? Wie hoch sollte Ihr Preisgeld sein?

Die Zielgruppe der älteren, kranken, einsamen Menschen braucht besonders lange, um (wieder) Vertrauen fassen zu können, sich (wieder) auf neue Menschen einzulassen und insbesondere auch, um überhaupt Hilfe annehmen zu können. Dieses Vertrauen ist im Laufe der mittlerweile fast zweijährigen Arbeit insbesondere in dem Pilotstadtteil Eimsbüttel teils auch mühselig aufgebaut worden. Insbesondere die Netzwerkarbeit braucht Zeit und trägt nun wirkliche Früchte. Ziel ist daher die langfristige, nachhaltige Fortführung des Projekts. Da der durchschnittliche Aufbau eines Netzwerkes etwa 5 Jahre dauert (Info Fr. Prof. Mary Schmöcker, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, HAW), ist die kontinuierliche Fortführung des Projektes dringend notwendig, insbesondere aufgrund des mittlerweile guten Ansehens in den Stadtteilen, das auf den dort tätigen Personen beruht, die dem Projekt ein Gesicht geben.
Wir benötigen für eine halbe Stelle von Anfang November 2013 bis November 2014 insgesamt 25.000 €, weil dann die Förderung durch die Glücksspirale endet. Zur Fortsetzung beider mittlerweile gut etablierter Stellen in den drei Stadtteilen Eimsbüttel, Lokstedt und Stellingen mit festen halben Stellen, langfristig tätigen und sehr engagierten Mitarbeiterinnen, benötigen wir insgesamt 50.000 €. Von einem Ausbau in andere Hamburger Stadtteile wagen wir gar nicht zu träumen. Die Stadtteilkoordinatorinnen brauchen jedoch spätestens Ende Juli eine Zusage zur Fortführung ihrer Stellen, da sie sich ansonsten arbeitslos melden bzw. nach einer anderen Stelle umsehen müssen.

Wird Ihr Projekt bereits gefördert? Wenn ja, von wem und in welcher Form?

Die Glücksspirale fördert die beiden halben Stellen bis Ende Oktober 2013
mit 40% Förderung. Danach wird die Förderung eingestellt und das Projekt ist damit vom Aus bedroht. Die Homann-Stiftung hat uns dieses Jahr 5.000 € bewilligt. Im Jahr 2013 und 2014 gibt es eine Förderung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend für Angebote, die der Lebens- und Wohnsituation und den besonderen Pflegebedürfnissen insbesondere von älteren Migranten und Aussiedlern gerecht werden. Hierfür erhalten wir einen Zuschuss für eine weitere halben Stelle einer Stadtteilkoordinatorin, die insbesondere im Stadtteil Barmbek-Nord tätig sein wird. Sachmittel in Höhe bis zu 5.000 € können wir teilweise bei der SAGA Stiftung Nachbarschaft beantragen. Weitere Förderer aus den Jahren 2011 und 2010 sehen Sie unter http://www.aktionaugenauf.de/unterstuetzer/sponsoren-foerderer

Was können andere von Ihrem Projekt lernen? Was ist das Nachahmenswerte an Ihrem Projekt?

Nachahmenswert ist, dass wir insbesondere denen helfen, die sonst keiner sieht. Unser Alleinstellungsmerkmal ist die Zeit, die wir mitbringen, um geduldig immer wieder nachzufragen, ob (nicht doch?) Hilfe benötigt wird. Wir schaffen es oft, das Vertrauen der älteren Menschen wiederherzustellen, bevor sie überhaupt unsere Hilfsangebote annehmen lernen. Wir haben es mit kleinem Budget geschafft, einen professionellen Öffentlichkeitsauftritt auch mit Prominenten als Blickfang sowie einer sensiblen Fotosprache auf Flyern und Postern zu entwickeln, die Menschen im Stadtteil anspricht. Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit insbesondere im Stadtteil für die Lebenssituation alter Menschen durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die persönliche Ansprache sowie die Netzwerkarbeit ist uns nach anfänglichen Schwierigkeiten und Vorbehalten nun sehr gut gelungen, bedarf aber unbedingt der langfristigen Fortführung, um diese Arbeit zum Wohle der Älteren fortzuführen. Das Netzwerk funktioniert immer besser. Schnittstellen mit wichtigen Partnern wie dem Pflegestützpunkt und der Seniorenberatung wurden mit der Zeit immer effektiver zum Wohle unserer Zielgruppe ausgestaltet. Wir haben eine zentrale, fach- und trägerneutrale bzw. -übergreifende Koordinationsstelle für die Belange alter Menschen geschaffen. Wir ergänzen die vorhandenen Angebote durch weitere, individuell auf diese Zielgruppe ausgerichtete kostenlosen Angebote. Zudem haben wir Freiwillige unterschiedlicher Altersgruppen gewonnen, die sich wie geplant auch langfristig mit mehreren Stunden wöchentlich um die Seniorinnen und Senioren bemühen. Das Spektrum der ehrenamtlichen Helfer ist bunt gemischt: Sie sind zwischen 30 und 70 Jahren alt. Männer und Frauen sind gleichermaßen vertreten. Fast alle Ehrenamtlichen sind in ihrem Privat- und Arbeitsleben noch stark eingebunden und finden dennoch die Zeit, sich sozial zu engagieren.

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