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Markthalle Neun / Arbeitsgemeinschaft Halle für Alle: Kapitel Zugang (es geht um Inhalte, Aktivierung, Nachbarschaften)

Warum engagieren Sie sich persönlich für das Projekt?

Seit über zehn Jahren arbeiten Florian Niedermeier und sein Partner Bernd Maier an der Vision eines nachhaltigen Lebensmittelmarktes für Berlin. Anfang 2009 erfuhren sie vom Verkauf der landeseigenen Eisenbahnmarkthalle, der sogenannten „Markthalle Neun“ in Berlin-Kreuzberg, eine der letzten von ehemals vierzehn historischen Markthallen in Berlin. Gemeinsam mit Nikolaus Driessen, der als direkter Nachbar der Halle eine Anwohnerinitiative gegen den drohenden Verkauf an eine Supermarktkette initiiert hatte, entwickelten sie ein innovatives Betreiberkonzept.

In Zusammenarbeit mit der Architekten-Gruppe raumlaborberlin wurden räumliche Konzepte und Stategien entwickelt um das Betreiberkonzept in der Markthalle realisieren zu können.

raumlaborberlin arbeitet seit 1999 an Fragen von Stadt und Zusammenleben. Raum versteht raumlaborberlin als ein Produkt sozialen Handelns, Urbanität als die Gleichzeitigkeit von Widersprüchlichem und Öffentlichkeit als den Ort wo sich Menschen treffen und austauschen.

In diesem Zusammenschluß und der Zusammenarbeit mit Anwohnerinitiativen konnen wir überzeugen und erhielten den Kaufzuschlag. Es geht bei diesem Vorhaben nicht nur um die Reaktivierung der Markthalle sondern auch um die Schaffung öffentlichen Raums. Die Markthalle ist in ihrer jetzigen Form für Kreuzberg von wachsender öffentlicher, sozialer und wirtschaftlicher Bedeutung.

Was wird konkret im Projekt gemacht? Welche Ziele verfolgt es? Wer braucht es?

Mit diesem Betreiberkonzept konnte die Stadt Berlin überzeugt werden, die Markthalle nicht an den Meistbieter zu verkaufen, sondern ein konzeptgebundenes Festpreisverfahren auszurufen, bei dem der Mehrwert des Konzepts für die Nachbarschaft eine zentrale Bedeutung hat. Dabei hat sich das Konzept der Markthalle Neun in einem qualitativen Wettbewerb gegen 17 Bewerber durchgesetzt. Im Kern geht es darum, die in den letzten Jahren aufgrund der großflächigen Mieter ALDI, Kik und Ihr Platz verödete Halle als sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt des Kiezes authentisch und denkmalgerecht wiederzubeleben und als Plattform für regionale Produkte aus Berlin und Brandenburg zu etablieren. Dazu wird die Immobilie von der Stadt übernommen und Marktstände werden an kleinteilige, regionale Händler und Produzenten vermietet. Um die mit der Entwicklung der Halle einhergehende Veränderung des Quartiers behutsam zu gestalten und die Authenzität des Ortes zu erhalten, wird eine schrittweise Entwicklung in enger Abstimmung mit Anwohnern und Bezirk angestrebt. Im Oktober 2011 hat die Umsetzung des Konzeptes begonnen. Seitdem findet jeden Freitag und Samstag auf den freien Flächen der Halle ein Wochenmarkt mit über dreißig Anbietern statt. Dieser Markt soll in den nächsten Jahren weiter wachsen.

Langfristiges Ziel ist zum einen die Etablierung eines ständigen, kleinteiligen Lebensmittelmarktes als Plattform für regionale Lebensmittel aus Berlin und Brandenburg. Zum anderen soll aber auch eine Plattform für unterschiedlichste (Ess-) Kulturen, die Berlin und speziell Kreuzberg heute ausmachen, geschaffen werden. Im Ergebnis wird damit ein in Berlin einzigartiges und regionales Lebensmittelangebot geschaffen. Die Markthalle Neun soll auch flexiblen Raum für Werkstätten, Ausstellungen und Auftritte von Kulturschaffenden bieten und somit ein verstärkender Kristallisationspunkt der Vielfalt rund um das Thema Ernährung und Lebensmittel sein. Ein weiteres Ziel ist die Bündelung der vor Ort vertretenen kleinen Erzeuger bzw. Händler zu nutzen, um diesen neue Vertriebswege zu erschließen.

Die Innovation besteht darin, die tradierte Handelsform der Markthalle wieder aufzugreifen und vor allem regionalen Anbietern aus Kreuzberg, Berlin und Brandenburg eine ständige Vermarktungsplattform in der Stadt zu bieten. Modellhaft soll damit eine echte Alternative zu industriell hergestellter Massenware geschaffen werden.

Auch für die Käuferschaft bringt die Markthalle Veränderungen: das besondere Angebot fördert ein bewustes/nachhaltiges Kaufverhalten, es entstehen persönlichere Beziehung zwischen Verkäufer und Käufer; Leute treffen sich, die sich sonst eher nicht begegnen. Es zeigt schon jetzt, dass die Halle auch unter der Woche von unterschiedlichsten Bewohnergruppen des Quartiers genutzt wird:

- Treffpunkt am “Kaffestand Inge” (seit vielen Jahren eine feste Institution in der Markthalle)
- Mittagessen in der vor wenigen Monaten eröffneten “Marktküche”, die auch vegetarisches und veganes Mittagessen aus dem kreiert, was lokal und saisonal gerade verfügbar ist
- besonders die älteren Einwohner des Quartiers nutzen die Tische und Bänke der Marktküche auch außerhalb der Öffnungszeiten als Treffpunkt
- Eltern und Kinder sowie Kitagruppen nutzen den kleinen Indoorspielplatz
- Die Halle dient als Ort für öffentliche Veranstaltungen, Anhörungen von Bürgerinitiativen etc.

FOTOS MIT BILDUNTERSCHRIFTEN


Während die Entwicklung in der Markthalle stetig voranschreitet besteht im Straßenraum unmittelbar vor der Markhalle deutlicher Handlungbedarf. Verschiedene Nutzungen und Interessen überlagern sich (Nutzung des öffentlicher Raumes durch Anwohner, Gastronomie, Anlieferverkehr, Parken von PKWs und Fahrrädern) und kollidieren bisweilen.

Wer trägt das Projekt?

Aus dem Zusammenschluss verschiedener Aktiver, der sog. „Projektgruppe Markthalle IX“ hat sich mittlerweile die Markthalle Neun GmbH gegründet und die Halle von der Stadt übernommen. Weiterhin gibt es den „Kulturverein Markthalle Neun e.V.“, der z.B. den Bau eines Spielplatzes in der Halle umgesetzt hat. Weitere aktive Gruppen der Nachbarschaft sollen in den Prozess mit einbezogen werden. Dazu gehört die „Anwonerinitiative Eisenbahn.MarktundKultur.Halle“, die „Anwohnerinitiative Pücklerstrasse“, die „Emmaus Ölberg Evangelische Kirchengemeind“, sowie das gerade sich gründene Netzerk der Lebensmittel-Gewerbetreibenden im Kiez, das sog. „Netzwerk BILE Lausitzer“.

Das Projekt “Arbeitsgemeinschaft Halle für Alle: Kapitel Zugang” wird von der „Projektgruppe Markthalle IX“ und raumlaborberlin in Kooperation mit den genannten Initiativen durchgeführt.

Wie geht die Nachbarschaft mit Ihrem Projekt um? Welchen Rückhalt bekommen / erwarten Sie?

Die Nachbarschaft der Markthalle hat in dem Vergabeverfahren eine zentrale Rolle gespielt und maßgeblich dafür gesorgt, dass die Halle nicht aufgrund des besten Preises, sondern aufgrund des besten Konzeptes vergeben wurde. In einer öffentlichen Abstimmung hat sich die Nachbarschaft für das derzeitige Betreiberkonzept ausgesprochen. Wir wünschen uns auch in Zukunft eine engere Einbindung der Nachbarschaft für die weiteren Planung. Trotz dieser Wünsche, die beiderseits bestehen, gibt es immer wieder Interessenskonflikte, die sich besonders deutlich (aber nicht ausschließlich) in den Eingangs- und Vorbereichen der Markthalle zeigen. Die bestehenden Konflikte werden von den Betreiben ernst genommen, die Auseinandersetzung wird gesucht. Gemeinsame entwickelte Lösungsversuche kommen beiden Seiten zugute.

Was sind die nächsten Projektschritte? Welche Pläne haben Sie?

Insgesamt wird die Markthalle von den Anwohnern der Nachbarschaft und des Quartiers sehr gut angenommen und auch als halb-öffentlicher Ort aktiv genutzt. Konflikte gibt es vor allem an der Schnittstelle zwischen öffentlichem Raum/Straßenraum und dem Außenbereich der Markthalle. Hier sehen wir starken Handlungsbedarf und gleichzeitig das Potential einen öffentlichen Raum zu schaffen, der nicht nur für die Markthalle, sondern auch für die gesamte Nachbarschaft eine deutliche Aufwertung mit sich bringent.

In einer Reihe von Workshops und Versuchsanordnung vor Ort möchten wir mit Experten und Anwohnern Möglichkeiten für die Organisation und Umstrukturierung des Straßenraums untersuchen und Gestaltunsmöglichkeiten entwickeln. Die besondere Herausforderung besteht darin, Lösungen für die vielen sich überlappenden Nutzungen und Interessen zu finden und gleichzeitig Ideen für die Eingangssituation der Markthalle zu entwickeln, die dieser eine deutliches Gesicht gibt.

Welche Ideen haben Sie, damit Ihr Projekt langfristig besteht und wirken kann?

Wie werden das Projekt in möglichst enger Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen und Akteuren, sowie den verschieden Nutzern entwickeln um präzise auf die speziellen Anforderungen des Ortes eingehen zu können. Zudem stellen wir uns eine stufenweise Umsetzung vor, die es ermöglicht, Ideen zu testen und gegebenenfalls zu justieren.

Was benötigen Sie, um Ihr Projekt voranzubringen? Wie hoch sollte Ihr Preisgeld sein?

Wir wollen einen moderierten Prozess für die Umgestaltung des Hallenvorplatzes und der Eingangsbereiche unter aktiver Einbeziehung der unterschiedlichen Akteure hier im Kiez. Die Ergebnisse müssen durch Fachplaner in ein Konzept eingearbeitet werden, das dem Bezirk und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung als Grundlage für die baulichen Massnahmen dienen kann.

Insgesamt benötigen wir für die Durchführung des Vorhabens “Arbeitsgemeinschaft Halle für Alle: Kapitel Zugang” 42.000 EUR

- Vier Workshops mit raumlaborberlin (je EUR 4.500) EUR 18.000
- Umsetzung im Rahmen einer Testperiode EUR 5.000
- Ausplanung durch Fachplaner EUR 20,000€

Wird Ihr Projekt bereits gefördert? Wenn ja, von wem und in welcher Form?

Derzeit gibt es zwei geförderte Projekte: Das Projekt “Jugend belebt Leerstand” - ein Modellvorhabens vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. In Zusammenarbeit mit dem JugendKunst- und Kulturhaus „Schlesische 27” und den “Ladenhütern” wird ein Keller der Markthalle zu Jugendräumen umgebaut. Mit Förderungen vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz wird der Aufbau eines Regionalladens umgesetzt.

Das dritte Projekt, das wir mit dieser Antrag vorantreiben wollen ist die Gestaltung eines Vorplatzes für die Markthalle, bzw. eine Neuorganisation des Straßenraums unmittelbar vor den Eingangsbereichen.

Was können andere von Ihrem Projekt lernen? Was ist das Nachahmenswerte an Ihrem Projekt?

Nachbarschaftsengagement lohnt sich. Mit einfachen Mitteln und unkonventionellen Methoden lassen sich städtische Räume in nachhaltiger Weise planen und aktivieren. Durch die Einbindung der Anwohner als lokale „Experten“ werden Erkenntnisse zu den speziellen Problemen oder Potentialen eines Ortes gewonnen, die unmittelbar in die Planung einfließen. Unter Beteiligung von Bürgern auch in der Umsetzung verschiedener Maßnahmen im an die Markthalle angrenzenden öffentlichen Raum werden nachhaltige Lösungen geschaffen, die von verschiedenen Interessensgruppen getragen werden. Hier geschieht Aneignung durch Beteiligung, es entsteht Verantwortung durch involviert sein.

Was müsste bei dem kommenden Anlauf anders sein?

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