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100% Mensch ...100 % Huchting 100 Menschen aus Huchting werden mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln portraitiert

Warum engagieren Sie sich persönlich für das Projekt?

Der Stadtteil Huchting ist der südlichste Stadtteil Bremens, mit einer sehr heterogenen Bevölkerung. Einerseits leben Menschen hier seit vielen Generationen in fast dörflichen Strukturen - andererseits wurden in den 60er Jahren viele Hochhäuser (überwiegend im sozialen Wohnungsbau) gebaut, in denen heute vorwiegend Menschen mit Migrationshintergrund leben.
In der langjährigen Arbeit mit MigrantInnen im Stadtteil und darüber hinaus, in der wir zu unterschiedlichen Fragestellungen mit unterschiedlichen kulturpädagogischen und künstlerischen Mitteln gearbeitet haben, gibt es ein wiederkehrendes Feedback von ProjektteilnehmerInnen: “Endlich habe ich einen Ort gefunden, an dem ich meine Geschichte erzählen konnte, an dem jemand meine Geschichte hören wollte, wo es Raum, Auseinander- und (künstlerische) Umsetzung der verschiedenen Facetten meiner Geschichte gab. Ich wurde nicht reduziert auf meine Probleme, sondern fühlte mich als Mensch gesehen, mit einer Biografie, die Höhen und Tiefen hat“.
Diese Aussage bestätigt unsere Haltung (und Arbeitsweise), dass es nicht darum gehen kann, Menschen über ihre Defizite und das, was sie nicht können, zu definieren, sondern ihre Qualitäten, Kompetenzen und Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen. Es ist immer wieder spannend und berührend, wenn in und durch unsere Arbeit etwas Neues, Spannendes und vielleicht auch Unerwartetes entsteht - wenn die Grenzen zwischen den Kulturen verschwinden bzw. der kulturelle Hintergrund als Schatz eingebracht wird und im Zusammenspiel mit anderen Juwelen in eine neue Fassung gebracht werden kann.
Mich begeistert es, wenn dieses neue Schmuckstück in die Nachbarschaften hineinfunkelt, betrachtet und getragen wird und Begeisterung hervorruft.
Außerdem bedeutet es uns viel, dem Stadtteil Huchting, der oft mit „Negativ- Schlagzeilen“ auffällt, positive Assoziationen (besonders was die Menschen unterschiedlicher Herkunftskulturen, die dort leben, betrifft) hinzuzufügen.

Was wird konkret im Projekt gemacht? Welche Ziele verfolgt es? Wer braucht es?

In dem Projekt werden Menschen aus Huchting verschiedenster Herkunftskulturen mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln portraitiert.

Ein Stadtteil, eine Nachbarschaft, lebt durch die Menschen und durch ihre individuelle Geschichte, die sie mitbringen und erzählen wollen:

“Die Geschichte eines Menschen ist die älteste und kraftvollste Ressource für menschliche Veränderung und Entwicklung…. Individuen, Familien, Gemeinschaften werden alle durch eine Geschichte geprägt. Wenn wir unsere Geschichte nicht erzählen, verlieren wir unsere Würde, unsere Menschlichkeit, unsere Seele … unerzählte Geschichten sind aufkeimende Schatten, die dich am Ende ersticken … persönliche Geschichten offenbaren Menschen in all ihren Facetten … Mitgefühl entsteht beim Gegenüber und kann die Sicht auf die Dinge verändern … und Kunst kann das Werkzeug sein, das benutzt wird, um diesen Geschichten eine Form zu geben” (Bill Cleveland, Center for the Study of Art and Community, Washington).

Dies war und ist der Ansatz unserer Arbeit, den wir auch im Projekt „100% mensch … 100% huchting“ verwirklichen wollen.

Geschichten, in denen es um Heimat, ums Ankommen, ums Hiersein und um die Zukunft geht. Erzählte, geschriebene und vertonte Geschichten - ins Bild gesetzt mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln. Geschichten, die die Menschen porträtieren.

Ein wesentlicher Aspekt des Gelingens der Anerkennung und Akzeptanz von MigrantInnen in unserer Gesellschaft ist die eingehende Betrachtung und Darstellung ihrer Herkunftskultur in Form eines individuellen Portraits mit künstlerischen Mitteln.
Durch die Auseinandersetzung mit der Herkunft und dem Prozess des Ankommens kann dieses Projekt nachhaltig zum Entwickeln einer Anerkennungskultur und einem nachbarschaftlichen Miteinander im Stadtteil beitragen.

Die Form der Biografiearbeit mit künstlerischen Ausdrucks- und Vermittlungsformen ist hierbei das gewählte Mittel. Zunächst werden die Potentiale in der Biografie herausgearbeitet und in den individuellen Portraits durch gesprochenes Wort, Klänge, Lieder, Musik, Fotos, Videos, Mittel der Bildenden Kunst für andere nachvollziehbar dargestellt.
Auch die Herkunftskultur der portraitierten Menschen wird so als mögliches Potential und als Bereicherung für den Stadtteil erfahrbar gemacht.
Im nächsten Schritt wird der langwierige Prozess des Ankommens (der eigentliche Integrationsprozess) betrachtet und dargestellt.

Die Leitfragen dabei sind:
Was sind die individuellen biografischen Faktoren, die eine Ankommensbiografie gelingen lassen?
Welche individuellen Begebenheiten haben im Rückblick besonders zum Gelingen der Biografie beigetragen?
Was sind die Aspekte, die mein Ankommen besonders begünstigt haben? Was hat mein Ankommen gelingen lassen?
Im Zentrum steht, was die Portraitierten als Potential mitgebracht haben. Danach werden die Faktoren betrachtet und dargestellt, die die Menschen in der Aufnahmegesellschaft als Potential in den Ankommensprozess eingebracht haben.
Wie kann ein positives nachbarschaftliches Miteinander gelingen?

Was unterstützt, dass ich hier zu 100 % ankomme, dass ich hier in Huchting 100 % Mensch sein kann?

Wer trägt das Projekt?

Der Kulturladen Huchting ist eine Stadtteilkultureinrichtung, die in den letzten Jahren schwerpunktmäßig stadtteilbezogene interkulturelle und interreligiöse Projekte entwickelt hat. Dazu wurde die Projektreihe „insan...mensch“ entwickelt, in der kulturpädagogisch und künstlerisch mit Menschen aus anderen Herkunftsländern gearbeitet wird. Ein Ziel dabei ist es, den kulturellen Hintergrund der MigrantInnen als eine Bereicherung des Stadtteils herauszustellen.

Wie geht die Nachbarschaft mit Ihrem Projekt um? Welchen Rückhalt bekommen / erwarten Sie?

Durch die langjährige Erfahrung wissen wir, dass es eine hohe Akzeptanz der Projekte gibt. Die Menschen, mit denen wir arbeiten, fühlen sich „gesehen“ (siehe Zitat am Anfang).
Es gelang uns bislang, Menschen unterschiedlicher Herkunftskulturen und Altersgruppen „zusammenzubringen“, die sich sonst nie begegnen bzw. nicht austauschen oder näher kennenlernen würden.
Es gibt ein großes Vertrauen, sich auf Prozesse einzulassen, von denen man am Anfang vielleicht gar nicht genau weiß, wo sie hinführen… aber am Ende ist man um vieles „bereichert“.

Was sind die nächsten Projektschritte? Welche Pläne haben Sie?

Akquirieren von weiteren unterstützenden finanziellen Hilfen.
Ansprache und Einladung von interessierten HuchtingerInnen zur Mitarbeit, besonders zur Bereitschaft, die eigene Geschichte zu erzählen.
Erstellen und Aufbereiten von Bildern und Audiodateien zu den persönlichen Geschichten.
Hinarbeiten auf die öffentliche Präsentation erster Projektergebnisse für die BewohnerInnen im Stadtteil.
Im Einzelnen bedeutet das:
Verbindliche Kontakte zu Kooperationspartnern im Stadtteil knüpfen, konzeptionelle Grundlagen erarbeiten – Konzeptionen der künstlerischen Bereiche erarbeiten im Kontext interdisziplinärer Zusammenarbeit – Pool von Leitfragen entwickeln und erstellen – Regelmäßige Treffen der Projektdurchführenden für die Koordination und die nächsten Arbeitsschritte -
Aufsuchen und Ansprechen von ProjektteilnehmerInnen – Einbeziehen der TeilnehmerInnen in die zeitliche und inhaltliche Projektplanung – Arbeit mit den ProjektteilnehmerInnen / Einzel- oder Gruppenarbeit – Ermittlung der künstlerischen Medien je nach Vorlieben und Möglichkeiten der zu porträtierenden Menschen – konkrete Arbeit am Thema mit Mitteln des kreativen Schreibens, der Fotografie, mit Interviews als Audioaufnahmen –Gemeinsames Entwickeln weiterer künstlerischer Darstellungs- und Ausdrucksmöglichkeiten.

Welche Ideen haben Sie, damit Ihr Projekt langfristig besteht und wirken kann?

Durch die Erstellung einer Endpräsentation aller Ergebnisse. Dies beinhaltet eine Ausstellungskonzeption, Planung und Durchführung und anschließende Entwicklung einer bleibenden und weiterführenden Ausstellung über den Stadtteil und die Stadtgrenzen hinaus.
Projektbegleitend finden Öffentlichkeitsarbeit, Erstellen von Radiosendungen im eigenen kleinen Tonstudio, Internetpräsentationen und die Erstellung von Dokumentationen statt.
Durch 100% mensch – 100% huchting ist somit ein „Umschlagplatz für interkulturelle Begegnung und Kunst“ geschaffen, der weit über den Projektzeitraum von 3 Jahren hinaus wirkt.

Was benötigen Sie, um Ihr Projekt voranzubringen? Wie hoch sollte Ihr Preisgeld sein?

Für das erste Projektjahr sind Aufwendungen in Höhe von knapp 48.000 € veranschlagt.(wenn 100 Menschen porträtiert werden sollen). Wenn das Preisgeld 6.500,- betragen würde, wäre das eine wunderbare Anschubfinanzierung.

Wird Ihr Projekt bereits gefördert? Wenn ja, von wem und in welcher Form?

Bisher wird das Projekt noch nicht gefördert.

Was können andere von Ihrem Projekt lernen? Was ist das Nachahmenswerte an Ihrem Projekt?

Nachbarschaft im Stadtteil wird erst durch die Menschen erfahrbar, die die eigene unmittelbare Umgebung atmosphärisch bestimmen. Etwas über die ganz persönliche Geschichte des Nachbarn zu erfahren und zu lernen bringt einander näher und ist nachahmenswert. Besonders wenn die Darstellungs- und Ausdrucksformen vielfältig und künstlerisch ansprechend sind und die beteiligten Akteure und BetrachterInnen nicht nur über den Intellekt angesprochen werden (wie bei diesem Vorhaben), ist die Wirkungsweise nachhaltig und sollte zur Nachahmung empfohlen werden.
Nachbarschaften, die besonders durch einen hohen MigrantInnenanteil geprägt sind, brauchen Projekte, die das Verständnis der Menschen unterschiedlicher Herkunftskulturen untereinander fördern.
Das Projektvorhaben 100% mensch...100% huchting trägt nachhaltig und exemplarisch zu einem besseren und tieferen Verständnis füreinander und damit zum Entstehen qualitativ neuer Nachbarschaften bei.

Was müsste bei dem kommenden Anlauf anders sein?

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